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Agiles Suppenkoma

  • estherkalunge
  • 18. März
  • 7 Min. Lesezeit

Wie Sprachbewusstsein deine Innovation schmackhaft macht


Dailys, Plannings, Retrospektiven. Bunte Zettelchen und Team-Tage. Viel agiler geht’s doch kaum, oder? Doch wer denkt, mit verordneter Selbstführung und Kollaborations-Kino das Label “agil” tragen zu dürfen, liegt falsch. Ich behaupte, du musst deinen Fokus verschieben. Hin zur Sprache.


Aber halt! Bevor du den Artikel frustriert an den Nagel hängst, weil er nach Weichspüler riecht, lass dir eins gesagt sein: Methoden, Tools und Artefakte funktionieren nicht, weil du es gerade so willst. Und ich glaube, das weißt du. Denn die Agilitäts-Beratungs-Welt hat ja kein Geheimnis daraus gemacht. Wenn du wirklich agil sein willst, dann brauchst du, na klar: Das richtige Mindset. Das vieldiskutierte, viel beschworene agile Mindset.


Und wenn du jetzt meinst, den zehnten Artikel darüber zu lesen, was ein agiles Mindset eigentlich ist, dann liegst du falsch. Denn ich sage dir heute nichts über Werte, Prinzipien oder Haltung. Ich sage dir, was du tun kannst, um dieses Mindset herzustellen. Ganz ohne Thermomix.


Neugierig? Dann lass uns anfangen.


Wenn wir den Begriff “Mindset” mal auseinandernehmen, dann liegt schnell auf der Hand, dass es irgendwie mit dem Denken zu tun haben muss. Und wie denken wir? Richtig. Die Sprache spielt zumindest keine kleine Rolle dabei. Sollten wir dann nicht wenigstens versuchen, das Konstrukt Sprache ein bisschen besser zu verstehen?


Sprech-Akte: Die Macht der Sprache


Die linguistische Sub-Disziplin „Pragmatik“ wirft ein faszinierendes Licht auf ein soziales Phänomen, das unter allen Lebewesen einzigartig ist. Die Beherrschung einer Sprache stellt somit vor allem soziale Normen her. Hinter dem, was wir explizit kommunizieren (Sach-Ebene) liegen Bedeutungen, Annahmen, Ziele und Aufforderungen, über die wir implizit Verbindung herstellen. Die eigentliche Interaktion beim Sprechen vollziehen wir somit zwischen den Zeilen.


Wie das funktioniert? Die Sprech-Akt-Theorie hilft auf die Sprünge. Sie erklärt Sprache zur Handlung (=Sprech-Akt) und erforscht, was Sprache wirklich kann. Wir nutzen sie nicht, um Wirklichkeit abzubilden. Wir erschaffen Wirklichkeit mit Sprache.


Nehmen wir ein Beispiel, das vielen sehr vertraut sein dürfte. Wenn wir eine Aussage wie „Mir ist kalt“ aussprechen, beschreiben wir selten einen klimatischen Zustand. In der Regel ist dies als Handlungsaufforderung gemeint. Statt aber klar auszusprechen “Schließ bitte das Fenster” oder “Kann ich eine Decke haben?”, sagen wir lieber “mir ist kalt”, und überlassen die Handlungsinterpretation unserem Gegenüber.


Warum das für die Geschäftswelt relevant ist, zeigen die nächsten beiden Beispiele. Denn sie machen deutlich: Sprache ist Macht. Nehmen wir an, du als Führungskraft, richtest einen dieser Sätze an ein Team-Mitglied. Was drückst du damit aus?


  • „Misch dich hier nicht ein!“

  • „Ich will mich mit diesem Thema nicht mehr befassen!“


Aus der Transaktionsanalyse wissen wir, dass diese Aussagen aus einem „Eltern-Ich“ entstehen, das Machtverhältnisse nutzt, um Grenzen zu weisen. Die implizite Botschaft:

Dein Thema ist irrelevant. Du bist irrelevant.

Solche Ansagen zerstören psychologische Sicherheit und führen dazu, dass die Belegschaft die Lücken füllt, die du durch mangelnde Klarheit gelassen hast. Statt eines klaren Rahmens befeuerst du den Flurfunk, in dem Subtexte, Hintergründe und doppelte Meinungen wuchern.


Was dann entsteht, weißt du selbst am besten: Fehlinformation, mangelnder Fokus, überkreuzte Ziele. Und dein Produkt wartet. Und wartet. Und wartet. Oder hast du gehofft, in einem Morast aus Unsicherheit die nächste zündende Idee zu finden?


Wie sehr die Wucht von Worten Leben verändert, verdeutlichen diese drei Sprech-Akte:


  • „Ja, ich will!“

  • „Du bist gekündigt.“

  • „Hiermit erkläre ich den Krieg...“


Wenn Sprache jedoch so mächtig ist, sollten wir ihr nicht auch im beruflichen Kontext etwas mehr Beachtung schenken? Sprache etwas bewusster einsetzen? Stattdessen sorgen wir für Irritation, weil wir Worte wechseln wie Wäsche oder setzen sie absichtlich ein, um Schmerz zu verursachen, jemanden schlecht zu machen oder uns selbst auf eine höhere Stufe zu stellen.


Ist es nicht unlogisch? Wir erwarten mathematische Präzision, technische Exzellenz und perfekte Lösungen für die neuesten Produkte. Aber unsere Sprache nutzen wir unpräzise, unbewusst und erlauben es ihr sogar, nebenbei zu wuchern und unsere Absichten zu unterlaufen.


Was würde passieren, wenn wir anfangen würden, Sprache bewusst einzusetzen, statt sie sinnlos zu verschwenden? Ein Sprechakt wie: „Ab heute sind wir alle agil!“, kann beispielsweise Dailys, Sprints und Retrospektiven verordnen. Aber er kann keine Agilität herbeizaubern. Denn das System dahinter fehlt: das implizit geteilte Wissen darüber, was Agilität überhaupt ist. Um den Vergleich von oben erneut zu bemühen: Ohne Waffenarsenal ist auch eine Kriegserklärung heiße Luft. Echte „Aufrüstung“ für Agilität bedeutet nicht Tischtennisplatten, Obstkörbe oder Zettelchen an der Wand. Sie bedeutet Bewusstseinsbildung.


Eine stilisierte Wortwolke in Form eines menschlichen Gehirns auf schwarzem Hintergrund. Die Umrisse des Gehirns werden aus unzähligen Begriffen in verschiedenen Größen und sanften Farbtönen (Pastellrosa, Gelb, Creme) geformt. Prominent sichtbare Worte sind „Feeling“, „Habit“, „Thought“, „Story“, „Belief“, „Emotion“ und „Memory“. Viele weitere kleinere Begriffe wie „Instinct“, „Meaning“, „Reflex“, „Observation“, „Intuition“ und „Experience“ füllen die Form aus und symbolisieren die Komplexität des mentalen Betriebssystems.
Mindest dekonstruiert: Sprache ist der Code, der dich und dein Team auf Agilität progammiert.

Wenn Innovation am Konversationsstil scheitert


Damit kommen wir zum Kern des Ganzen: Deinen wirtschaftlichen Erfolg. Was Bewusstseinsbildung eigentlich bedeutet ist: Kulturveränderung.

Sprachbewusstsein entscheidet über die Kultur in deiner Organisation und diese wiederum entscheidet über deine Innovationskraft. Kommt dir komisch vor?

Stell dir eine ganz normale Unterhaltung in einem ganz normalen Team vor. Wer spricht? Wer bringt Ideen ein? Wer formt die Meinung? Und jetzt willst du mir erklären, dass du alle Ressourcen, die in deinen Teams vorhanden sind, jederzeit sinnvoll einsetzt, um Innovation zu fördern? Dass bei dir keine Stimmen verloren gehen?


Dachte ich mir.


Was kannst du also tun? Gehen wir zurück zur Pragmatik. Was wir oft unter Persönlichkeitsmerkmalen verschleiern (introvertiert, schüchtern, unmotiviert), hat eigentlich mit einer Präferenz des Konversationsstils zu tun, wie wir von Linguist George Yule wissen:

Features of conversational style will often be interpreted as personality traits.

Er unterscheidet zwischen:


  • High Involvement Style: Schnelles Sprechen, Unterbrechen als Zeichen von Engagement

  • High Consideration Style: Warten auf Pausen, Bedachtsamkeit


Wenn diese Stile ungeklärt aufeinandertreffen, gehen die besten Ideen verloren. Die „High Consideration“-Typen kommen nie zu Wort; ihre oft tiefgreifenden Innovationen sterben in der Warteschleife. Und jetzt kommt noch eine schlechte Nachricht für alle, die gern die Konversations-Schnellspur fahren: Solltet ihr auf eure Fragen keine Antwort bekommen, so ist dies in der Regel nicht als Zustimmung zu werten. Im Gegenteil: Folgt auf eine Frage Schweigen, ist dies fast immer als Anzeichen für eine Ablehnung zu bewerten. („silence is always an indication of a dispreferred response“).


Vielleicht liegt es daran, dass viele Menschen meinen, andere würden ihre Bedürfnisse von alleine erkennen.

Many people seem to prefer to have their needs recognized by others without having to express those needs in language.

Dabei ist dies selten der Fall. Was das für dich und deinen Erfolg bedeutet: Ignorierst du die sozialen Regeln der Sprache, indem du eine Kultur aufbaust, die Einwände erschwert, Schweigen übersieht und Ideen aufs Abstellgleis stellt, läufst du Gefahr, dass deine Produkte und Services am Markt vorbeigehen. Setzt du jedoch Sprache so bewusst ein wie Budgets und Codes, dient sie dir als Verbündete. Dann wird sie zum Präzisions-Turbo für schnellere, bessere und mutigere Entscheidungen.

Werkzeuge für die Praxis: GFK, Reframing & Klarheit


Wie das geht? Kommen wir nun zu dem Teil, der dir gefallen wird: Methoden. Es gibt sie doch, die Werkzeuge, die dir helfen, eine Sprache zu finden, die Innovation fördert, statt sie im Keim zu ersticken:


  • Gewaltfreie Kommunikation (GFK): In der Gewaltfreien Kommunikation geht es darum, Bedürfnisse klar zu artikulieren. Weil Menschen, wie oben erwähnt, dazu tendieren, Bedürfnisse NICHT zu äußern, bedarf diese Form der Kommunikation der gezielten Einübung. Dazu können Team-, Projekt- oder Abteilungsleitungen ermutigen, indem sie aufhören, Beobachtungen mit Interpretationen zu verwechseln. Also eben nicht “Schweigen ist Zustimmung”, sondern “Ich merke, dass ihr schweigt. Wie soll ich das bewerten?” Mit Ich-Botschaften, der Fähigkeit, die eigenen Wünsche zu äußern, statt Schuldzuweisungen auszusprechen, und der Geduld, den Menschen im Team wirklich zuzuhören, werden dysfunktionale Kommunikationsmuster Schritt für Schritt in wertbringende Konversationen verwandelt. Im wörtlichen Sinne: Schon bald wirst du deinen Wert steigern, weil dein Team frei ist, sich in seiner Ganzheit zu zeigen.

  • Growth Mindset durch Reframing: Wachstum ist das Gold der Wirtschaft. Wer will es nicht? Doch dass kleine sprachliche Nuancen der Anfang deines Wachstums sind, zeigt folgendes Beispiel: Ersetze einmal den Satz “Du kannst das nicht” mit einem “Du kannst das noch nicht” oder ein “Ihr seid zu schlecht” mit einem “Ihr habt es noch nicht geschafft” oder mit einem “Ihr seid nah dran. Weiter so!”. Merkst du den Unterschied? “Reframing” verpasst der Sprache durch kleine Verschiebungen neue, generative Sichtweisen. Und diese Sichtweisen führen zu anderen Handlungen. Ein Team, das “nichts kann”, wird sich gar nicht erst bemühen. Ein Team, das etwas “noch” nicht kann, darf sich neue Fähigkeiten aneignen.

  • Verantwortung übernehmen: Hast du schon einmal etwas gesagt wie: „Ich nahm an, dass die Verantwortlichkeiten klar sind“? Sei ehrlich: Wozu führt diese Aussage? Doch nicht dazu, dass dein Team jetzt besser wird. Denn tatsächlich handelt es sich hierbei um eine geschickte Schuldzuweisung. Indem du deine Annahme als eine Tatsache darstellst, entziehst du dich der Verantwortung. Als Führungskraft ist das höchstriskant. Denn dadurch büßt du Vertrauen ein und Vertrauen ist die Grundlage, auf der Innovation entsteht. Deshalb übernimm Verantwortung für Missverständnisse, schaffe Klarheit, vereinbare gemeinsame Schritte. Damit dein Team nicht mitten auf dem See die Ruder ruhen lässt.

Sprache ist das Salz deiner Produkte


Wenn das alles stimmt, dann wissen wir jetzt: Agilität ist die Flexibilität des Denkens. Und weil Sprache und Denken eng miteinander verknüpft sind, helfen uns Änderungen im Sprech-Verhalten dabei, dem Denken neue Räume zu geben. Neue Gedankenräume führen zu neuen Handlungsweisen. Neue Handlungsweisen ändern den zu erwartenden Outcome. Genau dann beginnt Innovation. Der Umkehrschluss:

Wer sich weigert, die eigene Sprache anzupassen, weigert sich, neu denken zu lernen. Ohne kontinuierliches Lernen gibt es keine Agilität. Und ohne Agilität stirbt die Innovation.

Oder anders gesagt: Wenn du Produkte baust, ohne auf deine Sprache zu achten, dann kochst du Gerichte, ohne sie zu würzen. Sie funktionieren vielleicht. Aber sie sind nicht der Innovationsmotor am Markt.


Deshalb: Werde dir der Sprache deiner Teams bewusst. Die Sprache deiner Abteilungen, deines Unternehmens. An den Nuancen des „Dazwischen“ hörst du, ob Menschen agil tun oder agil sind. Du merkst, ob sie sich vertrauen, oder misstrauen. Verändere die Sprache deines Unternehmens, dann beginnst du zu wachsen. Innovation braucht nicht zuerst neue Tools, sondern einen neuen Umgang mit dem, was wir täglich tun: Sprechen.

Unterstützung gefällig?


Wenn du Unterstützung bei der Umsetzung dieser Methoden suchst, kontaktiere mich. In meinen Einzel- oder Team-Coachings setzen wir genau die Impulse für jene Bewusstwerdung, die nicht nur deine Kommunikation, sondern auch deine Produkte auf die nächste Stufe hebt.

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