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Willkommen in der Mach-Bar: Agilität “einfach mal mixen”

  • estherkalunge
  • 31. März
  • 7 Min. Lesezeit

Wieso Schnelligkeit und Feedback die Basis für Innovation sind


Einfach mal mixen? Das klingt nun doch sehr kopflos. Was ist aus dem hochkomplexen Mindset geworden, das für die Agilität elementar sein soll, für das wir aber angeblich – siehe Agiles Suppenkoma – erst linguistische Fallstricke überwinden müssen, um Profi zu werden?


Versteht mich nicht falsch: Sprachbewusstsein bleibt der Rahmen. Aber auch ein Rahmen muss erst gebaut werden. Und wie könnte der Rahmen besser zum Inhalt passen, als wenn Bild und Rahmen gemeinsam entstehen? Dabei verbesserst du dich mit jedem neuen Bild, bis deine Bar eine Galerie all der Momente ist, die du zum Lernen gebraucht hast. Genau darum geht es heute.

Wir wollen ins Tun kommen, ohne halbe Sachen zu machen. Dabei erfahren wir, wie direktes Feedback vor dem Scheitern rettet und warum Shaken im Team besser klappt.

Das sorgt dafür, dass Iced Drinks nicht lauwarm rüberkommen, nur weil jemand vergessen hat, sie auszuliefern. Was uns daran hindern würde, zu erfahren, wie unsere Drinks schmecken. Die besten Zutaten zusammengemischt machen schließlich nicht die originellste Geschmacksrichtung. Schon gar nicht auf dem Papier.

Die Mach-Bar: Heute legen wir die Gedanken ad acta und MACHEN einfach.
Eine professionelle Nahaufnahme von drei farbenfrohen Cocktails, die nebeneinander auf einer Holztheke stehen. Der linke Cocktail ist gelb-weiß und mit einer Kirsche garniert. Der mittlere Cocktail ist ein klassischer, klarer Drink mit viel Eis, Limettenscheiben und Minze (Mojito). Der rechte Cocktail leuchtet in tiefem Magenta/Rot und ist mit einer Drachenfrucht-Scheibe und Minze dekoriert. Der Hintergrund ist eine warm beleuchtete, unscharfe Bar (Bokeh).
Die „Mach-Bar“ macht's: Wenn das Team im richtigen Moment beginnt zu mixen, landen Ergebnisse im Glas.

Der erste Schluck zählt


Ob ein Drink zum Gast kann, lässt sich relativ leicht feststellen, doch woher wissen agile Teams, die an komplexen Produkten arbeiten, wann sie "fertig" sind? Viele kennen sie: Die Definition of Done. Aber was bedeutet das konkret? Dieses “DONE” im agilen Sprach-Kauderwelsch?


Im Grunde ist es sehr einfach. Es geht darum, sich im Team auf grundsätzliche Kriterien zu einigen, anhand derer wir prüfen können, ob ein Inkrement (also ein funktionsfähiger Bestandteil des Produktes) fertig ist. Ergo: auslieferbereit. Wichtig ist dabei: Fertig heißt nicht perfekt. Ein Drink ohne Strohhalm ist immer noch ein Drink.


Stellen wir uns vor, wir planen einen Lieferservice für unsere Bar. Dafür benötigen wir zunächst einmal: Ein Fahrzeug, das rollt. Zum Beispiel ein Fahrrad. Und was braucht ein Fahrrad? Räder, Bremsen, Pedale. Einen Rahmen. Eine Kette. Alles andere kann warten. Die Klingel. Die Schutzbleche. Der Gepäckträger. Die tolle Farbe. Eigenschaften werden nach und nach (iterativ) verbessert und an die Bedingungen angepasst. Gangschaltung, Bremsstärke, Reifendicke.


Genauso ist das in der agilen Produktentwicklung. Am Anfang muss mein Produkt vor allem eins: Funktionieren. Ein Button reicht erstmal. Blinken kann er später.


Warum das so wichtig ist?


Vom Rezeptschreiben zum Shaken


Innovation entsteht nicht, wenn wir von Anfang an alles zu wissen glauben. Wenn wir jede Kleinigkeit bedenken und über die Fassadenfarbe streiten, bevor das erste Fundament gelegt ist. Innovation entsteht, wenn wir testen, ob unsere Idee funktioniert. Wer eine Bar öffnet, weiß: Die besten Drinks entstehen nicht durch kalkuliertes Rezepteschreiben. Sie entstehen, wenn ich einfach mal mixe. Die perfekte Mischung entsteht beim Probieren. Das mag banal klingen. Ist es aber nicht. Sonst würden nicht 70% der Projekte scheitern, das Budget sprengen oder am Ziel vorbeifahren. Wir neigen dazu, Dinge auszudiskutieren, zu planen und zu überdenken. Das 10. Meeting zum Konzept, aber kein Konzept. Die fertige Roadmap, aber kein Spatenstich.


Dass dies kein Schlechtwetter-Denken ist, zeigen nachfolgende Beispiele, die ich in agilen Teams selbst erlebt habe. Denn auch wenn du schon ganz vorn dabei bist, ein tolles Team hast und die besten Methoden, bist du nicht davon befreit, in der Denk-Kammer festzusitzen und Pläne zu schmieden, die nie ans Licht kommen. Kennt ihr so etwas? Dann mach es dir an meiner Bar bequem.


  • Eure Dailys dienen dem Status-Update, wer was macht, statt gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten?

  • Im Refinement diskutiert ihr eine halbe Stunde lang über technische Feinheiten ohne den Kundenwert herauszuarbeiten?

  • Eure kreative Energie verpufft in Stories, die im Backlog versauern, statt sich in der Umsetzung zu beweisen?

  • Retrospektiven führt ihr zwar durch, aber ein Review mit Feedback von echten Usern bleibt aus?


Ihr ahnt es bereits: Diese Fehler machen die besten Teams. Doch wenn eure Bar wirklich anlaufen soll, dürft ihr nicht Zutaten kaufen, die ihr gar nicht braucht oder Partys planen, die nie stattfinden.


Sonst geht es euch wie einer Autorin die ihren Text bis ins kleinste Detail perfektioniert. Jedes Wort muss sitzen. Jeder Satz glänzen. Kein Punkt darf wackeln. Kein Komma fehlen. Doch über Kapitel 1 kommt sie nie hinweg. Oder ihr Text ist sprachlich perfekt, aber die Storyline ist öde, die Charaktere platt, die Motive fad. Was haben wir dann?


Ein schimmerndes Produkt, das entweder

  1. nie fertig wird oder

  2. niemand haben will


In der Software-Entwicklung passiert dann das, was ihr bestimmt schon kennt: Über Jahre entwickelte, perfekte Portale, Oberflächen, Shops, Webseiten, bis ins kleinste Detail durchdacht, schick und modern. Und dann können sie die Basics nicht: z.B. die Steuer korrekt auf der Rechnung abbilden (das ist nicht erfunden!) oder ein System, das der Kunde vorgibt, nicht anbinden.


Das sollten wir verhindern! Aber wie?


Shake - Test - Shake Again


Am besten, ihr gönnt euch mal eine Pause vom Schreibtisch. Jetzt sofort!

Geht in die Küche. Holt eure Säfte. Mixt. Schenkt ein.

Und dann: Serviert zum Abendbrot eine Kostprobe. Ich wette, eure Familie wird begeistert sein - selbst wenn der Drink nicht schmeckt. Denn ihr habt den Cocktail nicht nur versprochen. Ihr habt ihn gemacht. Und das ist das, was zählt.


Um das mal mit euren Worten zu sagen: Macht keine einzelnen Schritte, sondern durchlauft den Prozess als Kette. Eine Story allein ist noch kein Feature. Daher: Legt (im Team!) fest, was ihr erreichen wollt (Definition of Done), baut sofort drauflos, statt Ticket-Leichen zu sammeln (Kanban-Prio!), prüft, ob es wirklich funktioniert (Direct Testing), rollt aus, ohne auf den nächsten Sprint zu warten (Continuous Deployment). Am besten funktioniert das, wenn ihr euch von Abhängigkeiten befreit. Der Vorkoster ist nicht im Haus? Kostet selbst. Der Lieferservice hat keine Ananas gebracht? Geht einkaufen. Denn erst wenn die “richtige” Person fehlt, entscheidet sich, wie agil ihr wirklich seid.

Nicht eure Titel liefern den Drink aus, sondern eure Fähigkeit, zusammenzuarbeiten.

Fertig gemixt? Dann holt euch Feedback (User Centricity)! Das ist das absolute A und O jeder Produktentwicklung. Leitet der Button zur richtigen Seite? Bildet die Rechnung alle Details ab, die die Buchhaltung braucht? Anders gesagt: Schmeckt der Drink? Bringt das Fahrrad ihn zum richtigen Kunden?


Ja, das Design mag nicht eurer Ästhetik entsprechen. Die Filterfunktion mag noch nicht vollständig sein. Aber ihr könnt jedes Produkt, jedes Feature, jeden Button und jeden Text später verbessern. Am Anfang geht es darum, ob es funktioniert. Ob es die Anforderungen erfüllt. Ob das, was ihr tut, wirklich das ist, was eure Kund*innen brauchen.


Denn was passiert, wenn ihr das Feedback nicht bekommt? Und am Schluss jemand zu euch sagt: Also eigentlich wollte ich ein Mountainbike, kein E-Bike. Dann müsst ihr das Ding auseinandernehmen und neu bauen. Oder noch schlimmer: Was, wenn das Kind an der Bar den Piña Colada und der Vater mit Nussallergie den Espresso-Haselnuss-Martini abbekommt?


Sowas passiert, wenn du deine Kund*innen nicht kennst. Nicht mit ihnen redest. Nicht nachfragst. Willst du etwa in eine Bar gehen, in der dir jemand einen Drink serviert, den du nicht bestellt hast? Genauso wenig will deine Kundschaft Produkte, die sie nicht nutzen können.


Deshalb: Rede mit deinen Kund*innen. Sie kennen die Inhaltsstoffe deiner Drinks nicht. Finde heraus, was sie brauchen. Am besten täglich. Auf jeden Fall regelmäßig.

Kommunikation ist in jedem Projekt das A und O!

Keine Angst vor verkorksten Zutaten oder: Mit Kaizen den Geschmack verfeinern


Klar. Das sagt sich so leicht. Aber wir wissen alle, was in einer Bar passiert: Small-Talk. Meist bleiben die wichtigen Themen hinterm Tresen. Damit die Wünsche deiner Gäste nicht zum Beschwerdemonolog werden und deine Belegschaft sich aus Angst verkriecht, solltest du frühzeitig eingreifen. Denn wer aus Angst mixt, nimmt die falsche Zutat und ruiniert nicht nur den Geschmack, sondern womöglich auch den Ruf deiner Bar. Deshalb braucht das Team vor allem: Sicherheit. Aber wie schaffen wir das, ohne jeden einzelnen Schritt zu überwachen?


Hier hilft ein Blick über den Tellerrand zur Automobilindustrie, genauer gesagt, zu Toyota. Statt wie früher üblich ein fertiges Auto erst am Ende der Produktion auf Herz und Nieren zu testen – was in der Software-Entwicklung leider immer noch Standard ist! –, stellte Toyota das Prinzip um. Das Ziel: Verschwendung vermeiden. Denn Zutaten, die im Kühlschrank vergammeln, oder halbfertige Drinks, die niemand bestellt hat, kosten Zeit und Geld.


Diese als Lean Management bekannte Vorgehensweise hatte eine wichtige Voraussetzung. Damit defekte Motoren, kaputte Lampen oder zerkratzte Polster gar nicht erst eingebaut werden, mussten alle Mitarbeitenden in der Produktionskette Qualitätsmängel sofort anzeigen. Und zwar so drastisch, dass sie das gesamte Fließband anhalten durften. Toyota merkte dabei sehr schnell, dass diese Offenheit nur funktioniert, wenn die Belegschaft keine Angst vor Repressalien hat. Einen Fehler aufzuzeigen, war gewünscht, nicht verpönt.


Das ist die psychologische Sicherheit, die wir in der Mach-Bar brauchen. Wenn sich Mitarbeitende nicht trauen, das zerbrochene Glas zu melden, werden die Scherben heimlich unter den Tresen gekehrt. Das Ergebnis? Irgendwann gehen die Gläser aus oder du musst den Krankenwagen rufen. Nur wenn ich mich traue, laut zu sagen: „Mir ist ein Missgeschick passiert“ oder „Die Zutat hier ist abgelaufen“, ohne dafür direkt kritisiert zu werden, kann ich einen echten Beitrag zur Qualität leisten. In der Agilität ist daher eine tiefgreifende Fehlerkultur als Fundament notwendig. Ohne sie bleibt das Shaken ein riskantes Glücksspiel.


Lieblingsrezepte der Mach-Bar


Damit kommen wir zum eigentlichen Spaß: Das Mixen! Denn um in eurer eigenen Mach-Bar die besten Drinks zu servieren, solltet ihr unterschiedliche Geschmäcker bedienen, Missverständnisse nicht hochkochen lassen, und Crushed Ice im Glas versenken, statt damit zu schmeißen.


Hier sind drei meiner Lieblingsrezepte, die jeder Kostprobe standhalten:


Drei farbige Notizzettel, die wie Rezeptkarten an einer Wand pinnen. Die gelbe Karte beschreibt den „Reflexions-Spritz“ (Retrospektive) für regelmäßige Team-Zeit ohne Vorwürfe. Die grüne Karte stellt den „Sowohl-als-auch-Sour“ (Wicked Questions) vor, um Widersprüche kreativ zu lösen. Die rosa Karte zeigt den „Prototypen-Punch“ (Design Thinking) mit Fokus auf schnellen Entwürfen und direktem Kundenfeedback. Alle Karten nutzen humorvolle Bar-Metaphern wie „Ideen on Ice“ oder „nicht schütteln, sondern rühren“
Rezepte für echte Zusammenarbeit: Vom "Reflexions-Spritz" bis zum "Prototypen-Punch" - welche Zutat fehlt deinem Team aktuell, um den nächsten Drink zu servieren?

Für alle, die es genauer brauchen: Die Rezepte samt ihrer Erklärungen gibt es zum Download auch hier:



Vom Shaker zum Gast: Fang an zu mixen


Du hast jetzt die Location, die Rezepte, sogar das Fahrrad für die Lieferung. Worauf wartest du noch? Leg den Plan beiseite und fang an zu mixen. Häng das erste Bild einfach auf. Deine Bar sieht in drei Monaten sowieso anders aus als jetzt.


Aber Achtung: „Einfach machen“ bedeutet nicht „Blind draufloswursteln“. Wer nicht mit dem Team und den Gästen spricht, merkt erst viel zu spät, dass die Handtücher auf der Toilette fehlen oder Drinks doppelt geshaked werden, während die andere Bestellung im Müll landet. Ineffizienz ist der Kater nach der Party, den wir uns sparen können.


Deshalb denk dran: Reich den ersten Probierschluck frühzeitig über den Tresen. Erwarte kein Lob für die perfekte Deko, sondern frage nach: „Wie schmeckt der Drink? Was fehlt noch?“ Und dann passe deine Karte so an, dass deine Kundschaft wiederkommt.


Damit die Bilder an der Wand nicht einstauben, sondern die Bude voll ist mit zufriedenen Gästen.

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