Veränderung - Haben wir schon probiert!
- estherkalunge
- 9. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Warum wir im Narrativ der Alternativlosigkeit hängenbleiben und wie der Schritt aus der Blockade-Haltung gelingt
Klappe, die Erste.
Du fährst die offene Straße entlang. Der Horizont weit, Kilometer um Kilometer wächst die Vorfreude auf deinen Auftrag: Den Ort zu gestalten, der die Zukunft der Menschen abbildet.
Vor deinem inneren Auge wächst deine Vision: Eine Kulisse aus Berghängen über glitzerndem Wasser, tiefblaue Wälder neben gelbwarmen Kornfeldern und Gärten, die in Regenbogenfarben sprühen. Im Vordergrund tummeln sich blitzblanke Schwimmbäder neben digitalen Bibliotheken, Compartment-Schulen für neue Lernkonzepte entstehen, wo vertikale Gärten auf autonomes Fahren treffen.
Das Ortsschild, das seinen Schatten auf dich wirft, ist die Vollbremsung deiner Illusion. Schwarze Lettern auf grellgelbem Untergrund: „Haben wir schon probiert“
Der Ort deines Grauens.
Du wagst dich dennoch hinein. Dunkel umschleicht der Verfall deine Kehle. Bröckelnde Fassaden, aufgeplatzte Fahrbahnen, grau in grau erstreckt sich die Trostlosigkeit. Die Monotonie droht dich zu ersticken und du flüchtest in das nächste Hotel. Baufällig räkelt es sich in der eigenen Langeweile. Du brauchst Tage, bis dein innerer Motor wieder anspringt. Immerhin hast du einen Auftrag.
Du sprichst mit den Leuten, die leeren Blickes an der Hotelrezeption warten, die in der Gaststätte an der Theke hängen, die auf der Straße, in Kapuzen versteckt, den Blick nicht aus dem Handy wagen. Erst erfährst du gar nichts. Türen, die sich vor dir verschließen, Fenster die zugehen, wenn du vorbeikommst.
Zwei Wochen später bekommst du deine Antwort. Plötzlich, im gegenseitigen Mut zur Demonstration vereint, halten die Menschen der Verwahrlosung entgegen, was sie noch haben. Ihre Schilder schreien es förmlich heraus:
Das geht nicht anders! Das war schon immer so! Es muss so sein!
Der Gemeinderat der Stadt versinkt in Verzweiflung. Neuheit um Neuheit haben sie gebracht, Idee um Idee gewälzt, doch auch die schönste Architektur verrottet im Eiltempo an den Strukturen der Ablehnung.
Zum Vertiefen
🛠️ Hinter den Kulissen: Die Theorie zur Praxis
Status-Quo-Bias & Kognitive Dissonanz: Das ‚Dichtmachen‘ der Bevölkerung im Dorf ist kein böser Wille. Erinnerst du dich an meinen Artikel zur Root Cause Analyse? Darin ging es um die Status-Quo-Verzerrung. Wenn uns von außen eine Änderung aufgedrängt wird, entsteht eine schmerzhafte kognitive Dissonanz. Wir lösen sie auf, indem wir die Änderung einfach negieren. Das Blockieren ist ein (oft unbewusster) Versuch, die Autorität über die eigene Situation zu behalten. Wer ‚Nein‘ sagt, fühlt sich zumindest für einen Moment wieder selbstbestimmt.
Circle of Influence: Den Kreis des Einflussbereichs kennst du aus meinem letzten Artikel. Du kannst dir das ein bisschen so vorstellen: Menschen möchten ungern wie Schachfiguren auf einem fremden Spielfeld herumgeschoben werden. Indem wir ihren Einflussbereich stärken und sie bewusst in die Umsetzung des Wandels einbeziehen, machen wir sie zu Gestalterinnen ihrer Umwelt. Auf unser Bild übertragen bedeutet das, wenn wir gemeinsam durch ihre Räume gehen, weiten wir ihren Circle of Influence. Sie merken dann: Hier passiert nichts mit mir, hier passiert etwas durch mich.
Zurück zum Film
“Es gibt keine Alternative”, sagt der Gemeinderat hinter vorgehaltener Hand. “Das ist ein sinkendes Schiff.”
Wofür bin ich hier?, denkst du und willst dich verkriechen, wie alle anderen auch. Doch du hast noch einen Trumpf im Ärmel.
“Sicherheit”, schreibst du auf ein nigelnagelneues Post-It, das im Konferenzraum wie ein Mahnmal an der Wand thront. Die vergilbten Zettel früheren Scheiterns hast du abgerissen.
“Die Menschen haben Angst, ihrer Identität beraubt zu werden. Sie brauchen die Sicherheit, dass mit der Transformation nicht alles weggerissen wird. Zeigen wir ihnen zuerst die Dinge, die bleiben.”
Aber welche sind das? Statt den großen Masterplan über den Ort zu stülpen, änderst du die Strategie. Den Gemeinderat hast du überzeugt. Gemeinsam geht ihr von Straße zu Straße, von Haus zu Haus. Ihr sucht das, was die Menschen aufreibt, aber auch das, was ihnen lieb und teuer ist. Wo sie euch einlassen, geht ihr durch jeden einzelnen Raum. Was soll bleiben? Weil sie hier leben, wissen sie es am besten.

💡Eine Transformation gleicht der Renovierung eines Hauses: Wer entschlüsselt, was bleiben und was sich verändern darf, schafft psychologische Sicherheit und gewinnt das Vertrauen der Belegschaft.
Praxistipps: Die vier Räume der Renovierung
Lösen wir uns für einen Moment von unserer Geschichte und betrachten die Methode, die vor uns liegt. Die Räume der Veränderung geben der Transformation nicht nur ein Narrativ. Sie wecken Emotionen. Denn Menschen verbinden Erfahrungen mit diesem Bild, das von Loslassen und Neuanfang geprägt ist. Es hilft, aus dem Narrativ der Alternativlosigkeit auszubrechen und aus der Meta-Ebene heraus den Blick zu heben:
Raum 1 - Behalten: Der Raum ist als sichere Grundlage eine absolute Notwendigkeit für jede Veränderung. Wenn wir die Basis hier nicht schaffen, verlieren wir die Menschen beim ersten Stolpern. Bei jedem Umzug behalten wir Dinge, die uns wichtig sind. Auch in der Transformation schaffen wir ein Fundament dessen, was bleibt. Also fragen wir: „Was funktioniert bereits so gut, dass wir es auf keinen Fall ändern dürfen?“ Hier gedeiht der Nährboden, auf dem Neues entsteht (--> Raum 4).
Raum 2 - Überprüfen: Manche Kisten sind einfach nur verstaubt. Hier braucht es keinen Rausschmiss. Ein neuer Anstrich genügt. Bücher, die veraltet sind, kommen in die Mülltonne. Aber viele Einsichten aus der Vergangenheit bringen Erkenntnisse für die Ausrichtung auf die Zukunft. Also sichten wir das Inventar. „Dient uns diese Gewohnheit noch, oder ist sie nur da, weil sie schon immer da war?“ Wir schaffen Bewusstsein für den Status Quo, ohne ihn zu bewerten. Dabei helfen Methoden wie die "How Might We" - Fragen, die von der Problemstellung zur Lösung vordringen.
Raum 3 - Verändern: Die meisten Menschen wissen genau, wo die Knochen vergraben liegen. Sie haben diesen Raum nur besonders fest verschlossen. Genau hierhin müssen wir vordringen. Das, was, uns erstickt, führt den Verfall herbei. Mit dem Fundament aus Raum 1 und der Durchlüftung aus Raum 2 haben wir nun neue Kraft für die schmerzhaften Fragen. “Was läuft nicht, wie es soll? Wo müssen wir besser werden? Wo haben wir verlernt, hinzuschauen?” Doch statt uns dem Chaos zu ergeben, erkunden wir die Möglichkeiten. Fragen wie „What if...?“ lassen uns den Horizont öffnen und Freude an der Renovierung gewinnen: Was wäre, wenn wir in diesem Raum gleichzeitig arbeiten, ausruhen und essen könnten?
Raum 4 - Ergänzen: Neues entsteht nicht im Vakuum. Auch in der Vergangenheit gab es Ideen, die funktioniert haben. Darauf dürfen wir aufbauen. Die blaue Wand fertig streichen. Das leere Regal füllen. Hier geht es nicht um Zerstörung, sondern um den Mut, die Dinge wirklich zu Ende zu führen. Unsere Haltung wandelt sich von “Ja, aber…” zu „Ja, und...?“ Das, was schon da ist, dient als Grundlage für das, was darauf wachsen darf. Leere Bilderrahmen brauchen Bilder der Hoffnung.

Vom „Schon probiert“ zum echten Gestalten
In meiner Arbeit stehe ich oft in dem Ort aus unserer Geschichte. Selbst Menschen, die exakt aufzeigen können, was die Zusammenarbeit blockiert, stellen sich quer, sobald Veränderungsvorschläge auf dem Tisch liegen. Aus Tatkraft und Eifer wird dann schnell die graue Kapuze:
Das haben wir schon probiert. Das war schon immer so.
Ich kann das verstehen. Mir geht es oft genauso. Wenn unzählige Versuche, den Status Quo zu verändern, im Nichts verhallen, stellt sich eine tiefe Veränderungsmüdigkeit ein. Das Gefühl, es wird eh nichts anders, verstärkt sich durch die Erfahrung – gleiche Strukturen, gleiche Leute. Was soll da Neues entstehen?
Und weil durch die Verzerrung im Inneren ein Schmerz entsteht, den wir nicht aushalten, verharren wir in dem, was wir kennen.
👹Besser den Teufel, den ich sehe, als den Engel, der unsichtbar bleibt.
Wer an diesem Punkt Transformation mit Top-Down-Entscheidungen, Informations-Flut und Technik-Hacks betreibt, beginnt eine Einbahnstraßenkommunikation. Der Fluss in eine Richtung funktioniert nicht. Menschen reagieren dann mit Resignation, Unlust oder aktivem Widerstand. Veränderung braucht Partizipation. Nicht als hohle Phrase, sondern als echte Einbindung im gesamten Prozess.
Dann erst spüren die Menschen, dass ihr Beitrag zählt. Wenn die Hochglanz-Zukunft unserer Visionen mit Bausteinen entsteht, die dem Arbeitsalltag entspringen. Wenn wir nicht im Ratssaal sitzen bleiben, sondern durch die Räume gehen, in denen die Menschen leben.
Jede ferne Utopie hat die Chance, sich in handfeste Gegenwart zu wandeln. Aber nur, wenn wir dem Koma des „War schon immer so“ entkommen. Mit Menschen, die daran glauben, dass Veränderung möglich ist.
Transformation beginnt im Kleinen – oft mit dem Mut, eine Zimmertür zu öffnen, die jahrelang verschlossen war.
Übrigens: Die Methoden-Steckbriefe kannst du als vollständige PDFs herunterladen:

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