Strategie aus dem Kopfstand
- estherkalunge
- 8. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Wie du mit Workshop-Methoden Räume für dein Jahr öffnest
Herzlich willkommen auf meinem Blog! Im Januar machen wir Platz für Neues. Mit dem Thema „Räume öffnen“ schaffen wir Denkräume, in denen echte Strategien entstehen. Den Anfang macht eine meiner Lieblingsmethoden: Die Kopfstandmethode, auch bekannt als TRIZ aus den Liberating Structures. Manchmal müssen wir die Dinge bewusst umstülpen, um richtig sehen zu können.
Aber wieso verhilft ein Kopfstand bei der Jahresstrategie? Am besten teile ich dazu meine eigene Erfahrung mit dieser Methode.
Warum die Kopfstandmethode Räume öffnet
Zum ersten Mal wendete ich die Methode bei einem Entwicklungsteam an, das mit dem Go-Live Termin für einen CMS-Launch zu kämpfen hatte. Statt zum wiederholten Male die immer gleichen Fragen widerzukäuen, fragte ich das Team:
“Wie können wir am effektivsten dafür sorgen, dass wir den Go-Live NICHT schaffen?”
Nach einem verdutzten Schweigemoment passierten zwei Dinge:
Die Ideen sprudelten.
Das Team hatte so viel Spaß wie nie.
Und als wir herausgefunden hatten, was zum Gegenteil dessen führt, das wir erreichen wollen, konnten wir uns nun der Realität stellen:
“Was davon tun wir bereits?”
Und so passierten erneut zwei Dinge:
Das Team erkannte, dass es sich längst erfolgreich selbst sabotierte.
Daraus entstand unsere „Stop-Doing-Liste“ – die radikalste Entscheidungshilfe des gesamten Projekts.
Im Nachgang zu diesem Workshop bescheinigte mir das gesamte Team, dass diese Methode für sie augenöffnend war. Warum? Die Umkehrung der Fragestellung visualisierte schmerzhaft, was sie vorher verdrängten. Und obwohl der Launch am Ende später erfolgte als geplant - weil nicht alles im Einflussbereich des Teams liegt - hat das Team alles ihm Mögliche getan, um den Termin zu halten.
Zwischen den Zeilen sehen
Die Kopfstandmethode zwingt uns, dahin zu sehen, wo wir nicht hinsehen wollen. Sie ermöglicht wilde Fantasien, weil Zerstören Spaß macht. Wir wagen uns viel weiter vor, wenn wir Dinge kaputt machen können, als wenn wir etwas aufbauen. Dass dies am Ende dann umgedreht wird, sorgt dafür, dass wir weiter gedacht haben, als wir sonst denken würden.
Warum am Anfang des Jahres?
Und genau deshalb ist die Kopfstandmethode am Anfang des Jahres die richtige Methode für dich. Egal ob du…
eine neue Strategie erstellst,
einen OKR-Fahrplan entwirfst,
oder eine Liste der wichtigsten Milestones sammelst.
Zum Jahresbeginn kommen Mitarbeitende energiegeladen aus einer wohlverdienten Pause zurück. Sie haben neue Motivation für Ideen, kreative Phasen und Innovation. Sie hängen noch nicht im Hamsterrad des Tagesgeschäfts fest.
Deshalb: Rufe möglichst schnell alle zusammen, die du brauchst, und macht gemeinsam Kopfstand.
So wendest du die Methode im Workshop an
Bevor du beginnst, musst du dir überlegen: Was ist das wichtigste Ziel, das du erreichen willst? Dies könnte etwas sein wie:
Eine Weiterempfehlungsquote von über 90 % bei Bestandskunden erreichen.
70 % Umsatz mit in den letzten 12 Monaten entwickelten Dienstleistungen generieren.
Die Fluktuation auf unter 5 % senken.
CO2-Fußabdruck pro produziertem Stück um 50 % im Vergleich zum Vorjahr reduzieren.
20 % der Arbeitszeit in reine Forschung und Entwicklung investieren können.
Was auch immer du erreichen willst: Je spezifischer du dein Ziel formulierst – am besten quantifizierbar –, desto schärfer wird das Ergebnis.
Vermutlich hast du derartige Ziele schon oft formuliert.💡Jetzt kommt aber der Clou: Du musst deine Fragestellung umdrehen:
Wie schaffen wir es, dass unsere Kundschaft anderen aktiv abrät, bei uns zu bestellen?
Wie stellen wir sicher, dass unsere neuesten Dienstleistungen den Umsatz senken?
Was müssen wir tun, damit unsere Mitarbeitenden uns möglichst schnell verlassen?
Je nach Gruppen-Größe, teilst du diese nun in kleinere Gruppen von je 3-4 Leute auf. Gemeinsam sammeln und verfeinern diese Kleingruppen Ideen und teilen sie nach vorgegebener Zeit mit der Gesamt-Gruppe.
Wichtig ist, dass ihr alle Ideen auf dem Board visualisiert! Denn was wir vor Augen sehen, verankert sich direkt in unserem Gedächtnis. Nach Bedarf könnt ihr Themen-Cluster bilden. Anschließend gibt es zwei Möglichkeiten für das Weiterarbeiten:
Macht aus den Negativ-Tipps konkrete Maßnahmen für nächste Schritte: Was müssen wir tun, damit…?
Überlegt, welche dieser Dinge ihr schon (ansatzweise) tut. Habt ihr beispielsweise formuliert: ”Um Produkte zum Floppen zu bringen, streuen wir verwirrende Marketing-Botschaften auf unterschiedlichen Kanälen, damit niemand weiß, was wir genau wozu tun.” Könnte es sein, dass ihr keine einheitliche Marken-/Produkt-Strategie habt oder Marketing und Sales sich gegenüber der Kundschaft widersprechen? Schreibt es auf! Abschließend formuliert ihr alle Dinge, die ihr stoppen müsst, damit ihr nicht das erreicht, was ihr eigentlich verhindern wollt.
Zusammenfassend hier noch einmal die drei Schritte in der Übersicht:
Schritt 1: Die Umkehrung der Fragestellung.
Schritt 2: Ideen sammeln (Was müssen wir tun, um garantiert zu scheitern?).
Schritt 3: Die Rückführung in konstruktive Maßnahmen.
Nun kannst du diese konkreten Ansätze nutzen, um eine Strategie für dein Jahr zu formulieren und OKRs abzuleiten.
Meine Praxistipps für die Moderation
Damit es nicht nur lustig bleibt, sondern Tiefe bekommt, solltest du bei der Vorbereitung besonders darauf achten, dass deine Fragestellung sehr konkret ist. Wenn du etwa fragst “Wie können wir dieses Jahr zu einem Misserfolg” machen, wirst du kaum Ideen sammeln, mit denen du sinnvoll weiterarbeiten kannst.
Ein weiterer wichtiger Kniff: Entscheide dich vorher, ob du neue Maßnahmen finden oder Altes loswerden willst. Besonders wenn du Dinge aufhören willst, besteht eine Gefahr: Statt etwas zu „stoppen“, das aktuell blockiert, geht ihr direkt dazu über, etwas zu „beginnen“. Mein Rat: Widerstehe diesem Impuls. Konzentriere dich erst einmal rein auf das Aufhören, um echten Raum zu schaffen. Mehr Details zu dieser konsequenten Entschlackung findest du auch bei den Liberating Structures (TRIZ).
Für den größten Effekt: Versuche, Menschen aus unterschiedlichen Unternehmensebenen einzubeziehen – diejenigen, die täglich an den Produkten, mit der Kundschaft und mit den Zahlen arbeiten. Wenn allein Top-Führungskräfte über die Strategie beraten, werden wichtige Inputs aus dem operativen Bereich oft übersehen.
Sammle vor deiner nächsten Strategie-Besprechung deshalb Input aus dem Mid-Level- und Operations-Bereich. Dann schaffst du einen Rahmen, den deine Belegschaft mit Leben füllen kann. So funktioniert echte Beteiligung.
Das ist der Boost für deine Jahres-Strategie.
Viel Erfolg!
Habt ihr die Kopfstandmethode schon einmal genutzt, um eine Strategie zu formulieren?
Nächste Woche geht es um Alignment. Dazu schauen wir uns an, wie die SWOT-Methode auch für Teams erfolgreich genutzt werden kann.



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